Der Film läuft seit zwanzig Minuten, und in den Waden beginnt es zu ziehen. Kein Schmerz, eher ein Kribbeln tief im Bein, das erst nachlässt, wenn Sie aufstehen und durchs Wohnzimmer gehen. Im Bett geht es weiter. Wer das Abend für Abend erlebt, hat möglicherweise ein Restless-Legs-Syndrom, kurz RLS. Der Text richtet sich an Menschen, die diese Unruhe kennen, und an Angehörige, die nachts vom Umherlaufen des Partners wach werden: Woran erkennt der Arzt das Syndrom, was steckt häufig dahinter, und was lässt sich tun?
Vier Merkmale, an denen Ärzte das Syndrom erkennen
Für die Diagnose braucht es weder ein Labor noch ein Gerät, sondern eine genaue Schilderung. Die internationale RLS-Studiengruppe hat dafür Kriterien festgelegt, die auch die deutsche Leitlinie übernimmt:
- Bewegungsdrang in den Beinen, meist verbunden mit unangenehmen Empfindungen. Betroffene beschreiben sie als Ziehen, Kribbeln, Reißen oder „Ameisen unter der Haut“, viele finden gar kein passendes Wort.
- Beginn oder Zunahme in Ruhe, also im Sitzen und Liegen: im Kino, im Flugzeug, auf dem Sofa.
- Besserung durch Bewegung. Gehen, Dehnen oder Reiben der Beine hilft, allerdings nur, solange man sich bewegt.
- Abends und nachts stärker als am Tag.
Hinzu kommt eine fünfte Bedingung: Die Beschwerden dürfen sich nicht allein durch etwas anderes erklären lassen, etwa durch Wadenkrämpfe oder eine unbequeme Haltung. Treffen alle Punkte zu, ist die Diagnose sehr wahrscheinlich.
Viele Betroffene zucken im Schlaf zusätzlich mit den Beinen, ohne es zu merken. Der Partner merkt es. Diese periodischen Beinbewegungen stützen die Diagnose, beweisen sie aber nicht, denn sie kommen auch bei Menschen ohne RLS vor.
Warum gerade abends und in Ruhe?
Vollständig verstanden ist das Syndrom nicht. Zwei Dinge gelten als gesichert: Der Botenstoff Dopamin, der im Gehirn und Rückenmark Bewegungen und Empfindungen mitsteuert, arbeitet bei RLS nicht störungsfrei, und Eisen fehlt im Gehirn häufig auch dann, wenn die Blutwerte unauffällig wirken. Eisen wird für die Herstellung von Dopamin gebraucht. Beide Systeme schwanken im Tagesverlauf, was die abendliche Häufung erklären dürfte.
Oft sind mehrere Familienmitglieder betroffen, die Veranlagung wird also vererbt. Mit den „Nerven“ im umgangssprachlichen Sinn hat das nichts zu tun. RLS ist eine neurologische Erkrankung und keine Einbildung, auch wenn die Beine bei der Untersuchung völlig gesund aussehen.
Was die unruhigen Beine auslöst oder verschlimmert
Bei einem Teil der Betroffenen findet sich ein Auslöser, der sich behandeln lässt. Deshalb fragt der Arzt gezielt danach.
Eisenmangel
Er ist der wichtigste beeinflussbare Faktor. Gemessen wird vor allem der Speicherwert Ferritin. Bei RLS streben Neurologen höhere Werte an, als der Laborausdruck als untere Normgrenze ausweist, ein „normaler“ Befund schließt einen Mangel in diesem Zusammenhang also nicht aus. Ob Eisen als Tablette oder Infusion sinnvoll ist, entscheidet der Arzt anhand der Werte. Auf eigene Faust Eisen einzunehmen ist keine gute Idee, weil auch ein Zuviel schadet.
Schwangerschaft und Nierenerkrankung
In der Schwangerschaft tritt RLS gehäuft auf, vor allem im letzten Drittel, und verschwindet nach der Geburt oft wieder. Auch Menschen mit fortgeschrittener Nierenschwäche, besonders unter Dialyse, sind häufiger betroffen.
Medikamente
Einige Arzneimittel können ein RLS hervorrufen oder verstärken. Dazu zählen bestimmte Antidepressiva, Neuroleptika, müde machende Antihistaminika, wie sie in frei verkäuflichen Schlaf- und Allergiemitteln stecken, sowie manche Mittel gegen Übelkeit. Nehmen Sie eine vollständige Liste zum Termin mit, auch der rezeptfreien Präparate. Setzen Sie nichts eigenmächtig ab, der verordnende Arzt kann prüfen, ob es eine Alternative gibt.
Nicht jedes unruhige Bein ist ein RLS
Mehrere Beschwerden sehen auf den ersten Blick ähnlich aus. Den Unterschied macht fast immer die Frage, ob Bewegung prompt hilft.
- Polyneuropathie: Brennen, Taubheit oder Kribbeln in den Füßen, das beim Umhergehen nicht verschwindet. Beides kann zusammen vorkommen. Mehr dazu im Beitrag Kribbeln in Armen und Beinen: Mögliche neurologische Ursachen.
- Nächtliche Wadenkrämpfe: ein plötzlicher, harter, schmerzhafter Muskelknoten. Hier hilft Dehnen, Herumlaufen ist nicht nötig.
- Venenleiden: schwere, geschwollene Beine am Abend, die sich beim Hochlagern bessern. Bei RLS macht Hochlagern es eher schlimmer.
- Akathisie: eine innere Getriebenheit am ganzen Körper unter bestimmten Psychopharmaka, ohne die typische Bindung an den Abend.
- Gewohnheitsmäßiges Fußwippen: Es stört die Umgebung, nicht den Betroffenen, und lässt sich ohne Missempfinden unterbrechen.
Der Termin beim Neurologen
Das Gespräch nimmt den größten Teil ein. Der Arzt will wissen, seit wann die Beschwerden bestehen, zu welcher Uhrzeit sie einsetzen, wie oft pro Woche, wie Sie schlafen und ob Verwandte Ähnliches kennen. Hilfreich ist ein Schlaf- und Beschwerdetagebuch über zwei Wochen.
Es folgen die körperliche neurologische Untersuchung, die bei RLS in der Regel unauffällig ausfällt, und eine Blutabnahme mit Eisen- und Nierenwerten. Besteht der Verdacht auf eine Polyneuropathie, misst der Neurologe die Nervenleitung. Eine Nacht im Schlaflabor ist nur selten nötig, etwa wenn die Diagnose unklar bleibt oder zusätzlich Atemaussetzer vermutet werden.
Was hilft: vom Eisenwert bis zum Medikament
Ein leichtes RLS, das zweimal im Monat auftritt und den Schlaf kaum stört, braucht keine Tabletten. Die Behandlung folgt dem Leidensdruck.
Zuerst die Ursachen
Eisen auffüllen, wenn die Werte niedrig sind. Verstärkende Medikamente überprüfen lassen. Das allein bessert die Beschwerden bei manchen deutlich.
Was Sie selbst ausprobieren können
Für nichtmedikamentöse Maßnahmen ist die Studienlage dünn, das räumt auch die Leitlinie ein. Trotzdem berichten viele Betroffene von einem Nutzen, und schaden können die meisten Versuche nicht:
- regelmäßige, mäßige Bewegung tagsüber; sehr intensives Training am späten Abend verstärkt die Unruhe bei manchen,
- Alkohol, Koffein und Nikotin am Abend testweise weglassen,
- feste Schlafzeiten, denn Schlafmangel verschlimmert RLS,
- bei beginnender Unruhe Beine dehnen, massieren, kalt oder warm abduschen,
- bei langem Sitzen den Kopf beschäftigen: Ein Kreuzworträtsel oder ein angeregtes Gespräch drängt die Beschwerden oft zurück, Dösen holt sie hervor,
- im Kino oder Flugzeug einen Gangplatz wählen.
Medikamente
Reicht das nicht, verordnet der Arzt Medikamente. In Frage kommen Dopaminagonisten, Wirkstoffe aus der Gruppe der Gabapentinoide und bei schwerem Verlauf bestimmte Opioide. Welches Mittel passt, hängt von Alter, Begleiterkrankungen und Verlauf ab und ist Sache des Neurologen.
Eine Besonderheit sollten Sie kennen: die Augmentation. Unter dopaminergen Medikamenten kann sich das RLS nach Monaten oder Jahren paradox verschlechtern. Die Beschwerden beginnen dann früher am Tag, greifen auf die Arme über und werden heftiger, während die Tablette immer kürzer wirkt. Die naheliegende Reaktion, die Dosis zu erhöhen, verschärft das Problem. Deshalb gilt die Regel, dopaminerge Mittel so niedrig wie möglich zu halten und Veränderungen dem Arzt früh zu melden.
Wann Sie sofort zum Arzt sollten
Ein RLS ist quälend, aber kein Notfall. Anders ist es, wenn Beschwerden in den Beinen von diesen Zeichen begleitet werden:
- plötzliche Schwäche oder Lähmung eines oder beider Beine,
- neue Taubheit im Gesäß- und Genitalbereich oder Störungen beim Wasserlassen und Stuhlgang,
- ein einseitig geschwollenes, überwärmtes, schmerzendes Bein,
- Lähmung einer Körperseite, hängender Mundwinkel, Sprachstörung.
Rufen Sie in diesen Fällen den Notruf 112 oder suchen Sie umgehend eine Notaufnahme auf.
Zeitnah zum behandelnden Arzt gehören Sie, wenn die Unruhe unter einem RLS-Medikament früher am Tag einsetzt oder die Arme erfasst, wenn Sie unter der Behandlung ungewohnte Impulse bemerken, etwa beim Einkaufen, Spielen oder Essen, oder wenn der Schlafmangel in Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit umschlägt.
Häufige Fragen
Ist das Restless-Legs-Syndrom heilbar?
Liegt ein behandelbarer Auslöser vor, etwa ein Eisenmangel oder ein Medikament, können die Beschwerden vollständig verschwinden. Ohne erkennbare Ursache verläuft RLS meist chronisch und mit Schwankungen. Die Behandlung lindert dann die Beschwerden, beseitigt aber die Veranlagung nicht.
Hilft Magnesium gegen unruhige Beine?
Einen belegten Nutzen bei RLS gibt es nicht. Magnesium wird häufig genommen, weil die Beschwerden mit Wadenkrämpfen verwechselt werden.
Ist RLS ein Vorbote von Parkinson?
Nein. Weil zum Teil dieselben Medikamente eingesetzt werden, liegt die Vermutung nahe, ein Übergang der einen Erkrankung in die andere ist aber nicht belegt. Worauf Ärzte bei Parkinson achten, beschreibt der Beitrag Zittern der Hände (Tremor): Ursachen, Formen und wann Sie zum Neurologen sollten.
Können auch Kinder betroffen sein?
Ja, wenn auch seltener. Die Beschwerden werden bei ihnen leicht als Wachstumsschmerzen oder Zappeligkeit gedeutet. Ansprechpartner ist zunächst der Kinderarzt.
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Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Heidbreder A., Trenkwalder C. et al. Restless Legs Syndrom, S2k-Leitlinie, 2022. Deutsche Gesellschaft für Neurologie und Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). In: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. AWMF-Registernummer 030/081.
- Allen R. P., Picchietti D. L., Garcia-Borreguero D. et al. Restless legs syndrome/Willis-Ekbom disease diagnostic criteria: updated International Restless Legs Syndrome Study Group (IRLSSG) consensus criteria – history, rationale, description, and significance. Sleep Medicine. 2014; 15(8): 860–873.